{"id":934,"date":"2017-10-09T18:30:06","date_gmt":"2017-10-09T16:30:06","guid":{"rendered":"https:\/\/bayernedu.wordpress.com\/?p=934"},"modified":"2017-10-09T18:30:06","modified_gmt":"2017-10-09T16:30:06","slug":"diskurs-und-diskussion-im-bereich-digitaler-bildung-eine-frage-des-miteinanders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/2017\/10\/09\/diskurs-und-diskussion-im-bereich-digitaler-bildung-eine-frage-des-miteinanders\/","title":{"rendered":"Diskurs und Diskussion im Bereich &#8222;digitaler&#8220; Bildung &#8211; eine Frage des Miteinanders"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight:400;\">Der Lehrer ist ein sonderbares Gesch\u00f6pf: Obwohl jeder (hoffentlich!) das gleiche \u00fcbergeordnete Ziel, n\u00e4mlich eine m\u00f6glichst gute Bildung der Kinder verfolgt, agiert er doch meist als Einzelk\u00e4mpfer, der gerade im Kontext der Digitalisierung zu oft das Rad neu erfinden muss, obwohl einige Meter weiter der Kollege bereits flugtechnisch unterwegs ist. Fakt ist: Die Devise des altr\u00f6msichen Kom\u00f6diendichters Titus Maccius Plautus -\u201cHomo homini lupus\u201d &#8211; ist nicht selten in Lehrerzimmern sehr anschaulich real existierend anzutreffen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Der Autor dieser Zeilen ist weder willens noch kompetent genug, eine anthropologisch eing\u00e4ngige und umfassende Analyse dieses Ph\u00e4nomens zu liefern. Es sollen aber drei Fragen aufgeworfen werden, die gerade in diesem Themenbereich m\u00f6glicherweise eine Antwort erfordern &#8211; zumindest sieht es der Autor so, so dass er sich daran versucht.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<ol>\n<li><strong> Diskussions- oder Streitkultur: Welchen Umgang will man pflegen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Wie bereits einleitend erw\u00e4hnt, erlebt man immer wieder Situationen, in denen man auf kontroverse Standpunkte trifft. Solche sind nicht nur fester und w\u00fcnschenswerter Bestandteil einer jeden Diskussion, sondern wirken der Redewendung \u201cWo alle das Gleiche denken, wird wenig gedacht!\u201d gl\u00fccklicherweise entgegen. Die Frage aber nach dem Wie stellt sich mir im Laufe der Zeit immer h\u00e4ufiger: Eine Diskussion unter Kollegen hat nach meinem Daf\u00fcrhalten auf Augenh\u00f6he, Sachebene und mit Respekt zu erfolgen. Das ist f\u00fcr mich eine Grundvoraussetzung. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcnsche ich mir eine Kritik, die immer konstruktiv zu Werke geht und stets L\u00f6sungen f\u00fcr ein diagnostiziertes Problem anbietet, denn nicht weniger d\u00fcrfen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler von uns Lehrern verlangen. Alleinige Falsifizierung ist zwar besser, als eine falsche Entwicklung stehen zu lassen, aber meiner Meinung nach nur das geringere \u00dcbel.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Wei\u00df ich, welche Verantwortung ich mit meiner ver\u00f6ffentlichten Meinung habe?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Diese Frage schlie\u00dft nicht nur chronologisch an die vorangegangene an: In der publizierten Diskussion muss ich mir bewusst sein, welche Wirkung mein \u201cPosting\u201d m\u00f6glicherweise erreicht. Dass diese Forderung keinesfalls einfach umzusetzen ist und eine betr\u00e4chtliche Komplexit\u00e4t aufweisen kann, ist dem Autor dieser Zeilen &#8211; nicht zuletzt aufgrund diverser selbst begangener Fehler &#8211; nur zu klar. Umso wichtiger ist es aber, auf den Absolutheitsanspruch zu verzichten und zu bedenken, dass ein Kollege, der etwas Neues probiert, bereits den ersten Schritt zu einem besseren Unterricht getan hat. Ein Zitat bringt es besser auf den Punkt, als ich es je formulieren k\u00f6nnte: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight:400;\">\u201cWenn man etwas probiert, hat man nicht garantiert Erfolg. Aber man hat garantiert keinen Erfolg, wenn man nichts probiert.\u201d (<\/span><a href=\"http:\/\/markusreimer.com\/zitate\/\"><span style=\"font-weight:400;\">http:\/\/markusreimer.com\/zitate\/<\/span><\/a><span style=\"font-weight:400;\">)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Wissenschaftliche Erkenntnis vs. Praxiserfahrung: K\u00f6nnen wir uns hier einen Dualismus leisten?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Behaviorismus vs. Konstruktivismus, Digitale Bildung vs. Zeitgem\u00e4\u00dfe Bildung, Digitale Demenz vs. Digitale Dividende \u2026 man k\u00f6nnte die Liste an Diskussionsschwerpunkten noch weiter fortsetzen. Doch sie zeigt mitunter eine Diskrepanz zwischen der Unterrichtspraxis und dem wissenschaftlichen Diskurs, die meiner Meinung nach gef\u00e4hrlich ist und so nicht existieren sollte. Denn universit\u00e4re Bildung und Schule, Didaktik und Unterrichtspraxis sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Sie sind aufeinander angewiesen und verlieren sich ohne den jeweiligen Partner in p\u00e4dagogischer Beliebigkeit. Diese gef\u00e4hrliche Entwicklung sehe ich, wenn es z. B. in der Diskussion um formative Tests oder den Flipped Classroom geht: Es gibt viele Argumente, die \u201eKahoot\u201c als banales Tool ohne \u201e4K-Dimension\u201d erscheinen lassen. Das an sich stellt f\u00fcr mich kein Problem dar &#8211; im Gegenteil: Es erweitert meine Perspektive und l\u00e4sst mich \u00fcber Methoden und Praxis nachdenken. Es wird f\u00fcr mich zum Problem, wenn man mir einreden will, dass die Pro-Argumente zu vernachl\u00e4ssigen sind und das Tool im Unterricht \u201enichts bringt\u201d, denn die Erfahrung zeigt mir schlicht etwas v\u00f6llig Anderes. Kein Mensch w\u00fcrde allerdings aufgrund dieser sehr positiven Erfahrungen auf die Idee kommen, seinen ganzen Unterricht mittels \u201eKahoot\u201c abzubilden. Es ist eben ein mitunter sehr hilfreiches Tool unter vielen &#8211; aber mitnichten das einzige, das alle Probleme l\u00f6st. Das aber hat auch niemand behauptet. Fast identisch verh\u00e4lt es sich mit der Auseinandersetzung mit dem Flipped Classroom (kurz: FC). Ich kenne niemanden, der sich w\u00fcnschen w\u00fcrde, alle Sch\u00fcler m\u00fcssten jetzt nach dem FC-Prinzip unterrichtet werden. Aber der FC hat zweifellos seine Vorteile, die ein versierter P\u00e4dagoge mit dem Anspruch, Unterricht auf der H\u00f6he des 21. Jahrhunderts anbieten zu wollen, kennen muss. Dazu kommt, dass man sich der Wirklichkeit &#8211; gerade als P\u00e4dagoge &#8211; nicht verschlie\u00dfen darf. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler lernen nach eigener Aussage unter Umst\u00e4nden besser mit Lernvideos (siehe aktuelle Bertelsmann-Studie). Ob man das gut finden muss, ist eine andere Frage. Aber es ist nunmal Realit\u00e4t. Hilbert Meyer bringt es auf den Punkt, wenn er fordert, <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight:400;\">\u201edie Wirklichkeit der Welt (&#8230;) muss \u201cdomestiziert\u201d werden, aber sie l\u00e4sst sich nicht k\u00fcnstlich aus dem Schulalltag heraushalten\u201d.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mein Wunsch:<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Die Diskussion darf ruhig energisch und temporeich sein, aber man sollte dabei sein Gegen\u00fcber und seine Personalit\u00e4t nicht vergessen. Es gibt nur sehr wenige, die in der Position sind, andere Standpunkte komplett zu \u201eneutralisieren\u201d. Und sollte es doch die M\u00f6glichkeit geben, gibt es meist geschicktere L\u00f6sungen. Oder wie es jemand treffend formuliert hat:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight:400;\">\u201eEs gibt nur sehr wenige, die wissen, wieviel Wissen notwendig ist, um zu wissen, wie wenig man wei\u00df.\u201d <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight:400;\">Die Eindr\u00fccke der letzten Twitter-Tage stimmen mich aber zuversichtlich, dass diesem Credo nun alle Beteiligten wieder gewillt sind zu folgen &#8211; denn nur gemeinsam l\u00e4sst sich das Thema in didaktisch fundierte, praxisnahe Unterrichtsszenarien gie\u00dfen. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lehrer ist ein sonderbares Gesch\u00f6pf: Obwohl jeder (hoffentlich!) das gleiche \u00fcbergeordnete Ziel, n\u00e4mlich eine m\u00f6glichst gute Bildung der Kinder verfolgt, agiert er doch meist als Einzelk\u00e4mpfer, der gerade im Kontext der Digitalisierung zu oft das Rad neu erfinden muss, obwohl einige Meter weiter der Kollege bereits flugtechnisch unterwegs ist. 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