{"id":2203,"date":"2020-10-03T11:24:26","date_gmt":"2020-10-03T09:24:26","guid":{"rendered":"https:\/\/bayernedu.net\/?p=2203"},"modified":"2020-10-03T11:28:12","modified_gmt":"2020-10-03T09:28:12","slug":"das-hagener-manifest-eine-subjektive-stellungnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/2020\/10\/03\/das-hagener-manifest-eine-subjektive-stellungnahme\/","title":{"rendered":"Das Hagener Manifest &#8211; eine subjektive Stellungnahme"},"content":{"rendered":"<p>Am gestrigen Freitag (02.10.) habe ich das sogenannte <strong><a href=\"https:\/\/www.fernuni-hagen.de\/universitaet\/hagener-manifest\/das-hagener-manifest.shtml\">&#8222;Hagener Manifest&#8220;<\/a><\/strong> unterzeichnet. Die FernUniversit\u00e4t Hagen hat verschiedenste &#8222;Player&#8220; aus der Bildungsforschung, dem &#8222;Twitterlehrerzimmer&#8220; und anderen gesellschaftlichen Bereichen zusammengetrommelt, um ein Konzept namens <strong>&#8222;New Learning&#8220;<\/strong> auf den Weg und in die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Trotz x-facher Barcamps, Initiativen, Booksprints, QuickLearningRuns etc. pp. &#8211; vielerorts &#8211; von Travem\u00fcnde bis zum Tegernsee &#8211; scheint mir an den Schulen mit der R\u00fcckkehr zum Pr\u00e4senzunterricht nach der Corona-Krise die Dynamik aus dem &#8222;digitalen Wandel&#8220; etwas abhanden gekommen zu sein. Waren von M\u00e4rz bis Juli oftmals schnelle, praktikable L\u00f6sungen gefragt, erleben jetzt so manche <strong><em>&#8222;old structures&#8220;<\/em> <\/strong>ihre Restauration. Hier wird jeder seinen Platzhalter finden, den er hier einsetzen w\u00fcrde. Andererseits scheint die Situation f\u00fcr eine wirkliche Ver\u00e4nderung des Lehrens und Lernens jetzt so g\u00fcnstig wie nie zu sein. Gerade die Diskussionen um Datenschutz in der Schule und die Lehrerdienstger\u00e4te zeigen doch, dass es nun nicht mehr um die &#8222;Bespa\u00dfung einiger Leuchtturm-Schulen&#8220; geht, sondern um die grunds\u00e4tzliche Neuausrichtung von Bildungseinrichtungen &#8211; es betrifft jetzt eben <strong>ALLE<\/strong>. Und gerade darum braucht es jetzt &#8211; hoffentlich letztmalig &#8211; Leitplanken, die Orientierung und Hilfestellungen bieten. Dazu geh\u00f6ren konkrete Unterrichtsbausteine, meinetwegen auch Online-Mediatheken wie <strong><a href=\"https:\/\/mundo.schule\/\">&#8222;Mundo&#8220;, <\/a><\/strong>aber auch fundierte, konzeptionelle Konzepte &#8211; vielleicht eben genau so etwas wie das &#8222;Hagener Manifest&#8220;.<\/p>\n<p>Im Folgenden werde ich versuchen, das Manifest f\u00fcr mich zu erschlie\u00dfen und einige Vorschl\u00e4ge zur Realisierung dessen machen. Schaut man in die Vorbemerkungen, so findet man allerlei Aussagen, die man so nat\u00fcrlich nicht das erste Mal liest. Dass &#8222;(i)m Bildungssystem, in der Bildungspolitik und in der Gesellschaft (&#8230;) ein angemessenes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr (fehlt), wie die Digitalisierung auch das Lernen von Grund auf ver\u00e4ndert hat &#8211; und weiter ver\u00e4ndern wird&#8220; w\u00e4re so ein bekanntes Postulat zum Beispiel. Oder dass &#8222;Lernen neu zu denken&#8220; mehr als &#8222;digitale Technik&#8220; umfasst. Oder dass der Bedarf an &#8222;begleitende(r) Weiterbildung immens&#8220; ist. Oder, oder, oder. In den folgenden 12 Thesen werden diese Ideen aber dann derart pr\u00e4gnant ausgef\u00fchrt, so dass man merkt, dass die Initiatoren wohl einen \u00e4hnlichen Eindruck der Lage, wie ich oben geschildert habe, empfunden haben m\u00fcssen. Schauen wir uns demnach die Thesen einmal im Detail an:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>&#8222;New Learning braucht lebenslange Bildung&#8220;<\/strong>: Hier geht es um das Konzept des lebenslangen Lernens. Besonders die Betonung auf das &#8222;informelle Lernen&#8220; scheint mir hier von Bedeutung zu sein. Hier k\u00f6nnte man ansetzen, indem man Wege schafft, wie man Experten aus verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen in die Klassenzimmer holt. Dies geht via Videokonferenzen sicher viel unproblematischer als fr\u00fcher und kann auch adhoc organisiert werden, wenn sowohl zeitlich als auch finanziell die n\u00f6tigen Ressourcen daf\u00fcr bereitgestellt werden. F\u00fcr die Schule bedeutet dies aus meiner Sicht maximale \u00d6ffnung &#8211; von der offenen Klassenzimmert\u00fcr bis zur Integration von lokalen Bildungsnetzwerken, die weniger die gro\u00dfen Projekte, sondern kleinere, schnell durchf\u00fchrbare Lerneinheiten realisieren.<\/li>\n<li><strong>&#8222;New Learning f\u00f6rdert Chancengerechtigkeit:&#8220;\u00a0<\/strong>Digitale Bildung ist nicht gegeben, wenn die &#8222;digitale Teilhabe&#8220; nicht erm\u00f6glicht wird. Ich denke, dass jedes Kind ein gesetzliches Anrecht auf den barrierefreien Zugang zu einem technischen Ger\u00e4t (und dessen Nutzung beim Lernprozess) haben muss, da uns sonst vermutlich eine &#8222;wei\u00dfe Generation&#8220; heranw\u00e4chst. Diese ist zwar im Internet unterwegs, ihr fehlen aber die Kompetenzen mit diesem umzugehen, was im schlimmsten Fall auch zu einer Spaltung der Gesellschaft f\u00fchren kann, wenn z. B. die F\u00e4higkeit zur Quellenkritik fehlt. Demokratie &#8222;kann&#8220; man ja auch nicht automatisch nur, weil man in ihr aufgewachsen ist.<\/li>\n<li><strong>&#8222;New Learning stellt die Lernenden in den Mittelpunkt:&#8220;\u00a0<\/strong>Lehrpl\u00e4ne oder die Lehrmaterialien der Verlage sind statisch. Nicht immer nur &#8222;Dinosaurier&#8220; und aus der Zeit gefallen, aber auch nicht immer an den Interessen und den geforderten Skills des 21. Jahrhunderts angepasst. Zudem sollte es in diesem Zusammenhang eine Debatte um die Sinnhaftigkeit von Unterricht an sich geben. Produktorientierung w\u00e4re z. B. schon mal eine Idee, um die Lernenden auch demokratischer an ihrem Lernprozess zu beteiligen. Dass hierbei die digitalen Medien fruchtbar unterst\u00fctzend wirken k\u00f6nnen, sollte auf der Hand liegen.<\/li>\n<li><strong>&#8222;New Learning denkt die Rollen von Lehrenden und Lernenden neu&#8220;:\u00a0<\/strong>Es br\u00e4uchte an dieser Stelle aus meiner Sicht zwei Dinge. Zun\u00e4chst eine Erhebung derjenigen Faktoren, die o.g . These bisher anscheinend verhinderten. Au\u00dferdem eine breite gesellschaftliche Debatte \u00fcber das Lehrerbild. Eine Lehrkraft ist eben nicht &#8222;faul&#8220;, wenn sie auf &#8222;Peer Feedback&#8220; setzt oder ein selbsterstelltes Lernvideo zum 2. Mal nutzt oder die Sch\u00fcler im Unterricht freie Lernformen nutzen etc. Ohne die Integration der Eltern, die das Schulsystem nur vom <strong>&#8222;old learning&#8220;<\/strong> her kennen, wird es hier immer wieder zu Reibungsverlusten kommen. Aus meiner Sicht ein viel zu oft unerw\u00e4hnter Aspekt.<\/li>\n<li><strong>&#8222;New Learning bedeutet vernetztes Lernen&#8220;:\u00a0<\/strong>Mehr Mut zu Projekten, Dokumentationen, Quer- und L\u00e4ngsschnitten k\u00f6nnte ich mir hier vorstellen. Die Vernetzungsm\u00f6glichkeiten, wie oben schon genannt, kann man \u00fcber den digitalen Weg nutzen. \u00c4hnliches steht auch in den Thesen 6 bzw. 7 (<strong>&#8222;New Learning erm\u00f6glicht flexibles und selbstbestimmtes Lernen&#8220;<\/strong> und <strong>&#8222;New Learning misst Lernerfolge an individuellen Zielen&#8220;<\/strong>). Hierzu br\u00e4uchte es aber wohl schon auch Beispiele, wie das gelingen kann und Zeitressourcen f\u00fcr z. B. Lernfortschrittsgespr\u00e4che mit Sch\u00fcler*Innen. Eine weitere Ideen w\u00e4re das Setzen auf Zertifikate statt nur reinen Ziffernnoten. Hier sollte man durchaus auch die Wirtschaft mit ins Boot holen, damit diese dann auch f\u00fcr den einzelnen Lernenden sp\u00e4ter berufliche Relevanz entwicklen.<\/li>\n<li><strong>These 8: &#8222;New Learning sieht Technologie als Chance &#8211; ohne Risiken zu ignorieren&#8220;:\u00a0<\/strong>Ohne Rechtssicherheit, kein &#8222;New Learning&#8220;. Der vollanaloge &#8222;Roll-Back&#8220; ist aus meiner Sicht schon <em>ante portas<\/em>, wenn die Fragen des Datenschutzes oder der zu nutzenden Lernplattformen nicht schnellstens und final gel\u00f6st werden. Ethische Fragen der Digitalisierung sind in die Lernsettings zu integrieren, was ja letztendlich auch immer die Urteilskompetenz der Lernenden an aktuellen und lebenswirklichen Beispielen st\u00e4rkt. (vgl. auch <strong>These 9 &#8222;New Learning steigert die digitale (Medien-)Kompetenz und Data Literacy&#8220; sowie These 10 &#8222;New Learning garantiert Datenschutz und verhindert digtiale Diskriminierung&#8220;<\/strong>) Zudem ist zu pr\u00fcfen, welche Verwaltungsaufgaben &#8222;\u00fcber Technik&#8220; l\u00f6sbar sind. Die freigewonnene Zeit kann dann z. B. &#8222;n\u00e4her am Lernenden&#8220; eingesetzt werden. Eine &#8222;digitale M\u00fcndigkeit&#8220; ist anzustreben. Dies kann aber auch nur dann erfolgen, wenn man \u00fcber die maximalen M\u00f6glichkeiten des technischen Fortschritts Bescheid wei\u00df. Lehrende und Lernende werden nicht umhin kommen, sich hier &#8211; zumindest Grundkenntnisse &#8211; anzueignen.<\/li>\n<li><strong>These 11\/12: &#8222;New Learning \u00fcberwindet Grenzen zwischen Bildungsinstitutionen&#8220; und &#8222;New Learning braucht eine neue, gemeinschaftliche Bildungspolitik&#8220;:\u00a0<\/strong>\u00dcber neue Formen der Kooperation und Vernetzung brauche ich als Twitter-User hier nat\u00fcrlich nicht schwadronieren. Wie gelingt es aber, dieses Engagement einiger auf viele umzum\u00fcnzen? Welche Anreize braucht es dazu? Wie komme ich z. B. an Kooperationen mit universit\u00e4ren Playern und wollen diese das \u00fcberhaupt? Oftmals mangelt es leider auch schon daran, dass die offiziellen Angebote der Kultusministerien nicht allumf\u00e4nglich genutzt werden, da sie nicht bekannt genug sind. Insofern stecken in diesen letzten Thesen wohl die &#8222;dicksten Bretter&#8220;, die es zu durchbohren gilt.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Das &#8222;Hagener Manifest&#8220; liefert auf fundierte Weise eine gute Zusammenstellung der dringendsten Bildungs-Handlungsfelder. Es wird daran zu messen sein, wie die Thesen konkret angegangen werden. Ein Vorschlag w\u00e4re z. B., diese Ideen verbindlich in die Lehrkr\u00e4fteausbildung zu integrieren. Da ich Optimist bleiben m\u00f6chte, unterst\u00fctze ich das &#8222;Hagener Manifest&#8220; und hoffe, dass es inhaltlich noch konkreter wird und seinen Weg in die Lehrerzimmer finden wird. Es w\u00fcrde sich lohnen, dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am gestrigen Freitag (02.10.) habe ich das sogenannte &#8222;Hagener Manifest&#8220; unterzeichnet. 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