{"id":1127,"date":"2017-12-26T10:47:11","date_gmt":"2017-12-26T09:47:11","guid":{"rendered":"https:\/\/bayernedu.wordpress.com\/?p=1127"},"modified":"2018-06-20T19:33:44","modified_gmt":"2018-06-20T17:33:44","slug":"rezension-schwimmen-lernen-im-digitalen-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/2017\/12\/26\/rezension-schwimmen-lernen-im-digitalen-chaos\/","title":{"rendered":"Rezension: \u201eSchwimmen lernen im digitalen Chaos\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nonsens, Hoax, Fake News, Verschw\u00f6rungstheorien &#8211; das Netz ist so voll von derartiger \u201eInformationsverschmutzung\u201c, dass <a href=\"http:\/\/philippe-wampfler.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Philippe Wampfler<\/a>, einer der profiliertesten Experten zu Fragen der digitalen Bildung, in diesem Monat ein neues Buch \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen vorgelegt hat. Unter dem Titel <a href=\"http:\/\/schwimmenlernen.phwa.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eSchwimmen lernen im digitalen Chaos &#8211; Wie Kommunikation trotz Nonsens gelingt\u201c<\/a> wird auf 156 interessant zu lesenden Seiten auch eine Art Programm zum Umgang mit \u201eNonsens\u201c entworfen, das gerade auch im schulischen Kontext f\u00fcr Eltern, Lehrkr\u00e4fte und Sch\u00fcler erste Handlungsempfehlungen offeriert. Daher besch\u00e4ftigt sich #BayernEdu in seiner 1. Rezension etwas ausf\u00fchrlicher mit dieser Neuerscheinung:<\/p>\n<p>Wampfler, das merkt man gerade am Anfang des Buches, ist ein Vollblutwissenschaftler, der gerne definiert, abgrenzt und seine Thesen mit aktuellen Beispielen veranschaulicht. Man erwartet bei diesem Thema nat\u00fcrlich Bez\u00fcge zum vergangenen US-Wahlkampf (Stichwort \u201ePizzagate\u201c) und bekommt diese auch geliefert. Sein Fokus liegt aber zun\u00e4chst auf der Begrifflichkeit \u201eNonsens\u201c, der er das Konzepts des \u201eBullshits\u201c (Reden, ohne wirklich etwas zu sagen) und der momentan sich in aller Munde befindlichen \u201efake news\u201c (fabrizierte Meldungen mit T\u00e4uschungsabsicht) gegen\u00fcberstellt. \u201eNonsens\u201c ist f\u00fcr Wampfler eine Art Oberbegriff. Es geht n\u00e4mlich letztlich bei jeglicher derartiger \u00c4u\u00dferung darum, dass Menschen bei ihrer Informationssuche verunsichert werden, wenn sie den \u201eNonsens\u201c nicht als diesen erkennen k\u00f6nnen. Das mag es auch in analogen Zeiten schon gegeben haben. Heutzutage sind User aber Prosumierende und verbreiten diesen Nonsens auch unreflektiert, was auch zur derzeitigen Medien- und Vertrauenskrise gegen\u00fcber Eliten beigetragen hat. So weit, so richtig.<\/p>\n<p>Daran anschlie\u00dfend werden gesellschaftliche Faktoren der \u201eNonsens-Produktionsmaschinerie\u201c analysiert. Die technischen Voraussetzungen Nonsens ins Netz zu stellen sind sp\u00fcrbar niederschwellig, wie eindrucksvoll an der Seite <a href=\"https:\/\/channel23news.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Channel23News.com<\/a> illustriert wird. Eine ver\u00e4nderte Medienlandschaft (wiederum am US-Beispiel gezeigt, warum eigentlich nicht einmal an einem anderen, weniger bekannten Beispiel?) und die schwindende mediale Sicherheit sind der Output dessen. Wirklich interessant zu lesen sind die Kapitel zu den Hintergr\u00fcnden der \u201eKommentarkultur\u201c im Netz, die Wampfler mit dem rei\u00dferisch-korrekten Begriff \u201eMeinungspornografie\u201c umschreibt. Das ehemalige Schreibkonzept der Netiquette ist tot, da das Explizite, die Inszenierung und der Tabubruch mehr Klicks und Aufmerksamkeit bringen. Technikkonzerne profitieren davon genauso wie auch der Schreiber selbst &#8211; und auch manche Newsportale sowie Politiker sind sich dieser \u201everbalen Spirale\u201c bewusst. Das Problem dabei ist, wir verlassen uns, so Wampfler, bei der Informationsgewinnung zunehmend lieber auf unser Bauchgef\u00fchl als auf Expertisen (\u201eWahr ist, was sich wahr anf\u00fchlt.\u201c), gerade dann, wenn die Fakten unsere eigene Handlungsweise (Verhalten wir uns so, dass wir aktiv etwas gegen den Klimawandel tun?) in Frage stellen. Ein weiterer Grund, warum wir Nonsens so oft auf dem Leim gehen,\u00a0liegt dann auch an der eigenen Online-Eitelkeit oder an der Tatsache, dass es mittlerweile Untersuchungen zu einer sog. \u201eDigitalen Konzentration\u201c gibt. Menschen verarbeiten mehrere Reize routiniert, aber oberfl\u00e4chlich und es wird weniger tiefgr\u00fcndig dar\u00fcber nachgedacht. Eine Tatsache, die es prinzipiell auch beim digitalen Unterrichten zu beachten gilt und dem Nonsens nat\u00fcrlich ebenso T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Zeitpunkt kann man dem Buch wenig vorwerfen. Letztlich sollte man aber auch ber\u00fccksichtigen, dass der Leser schon ein wenig Vorwissen haben muss, um allen Begriffen und Konzepten folgen zu k\u00f6nnen. Aber Wampfler hat dies wohl absichtlich derart gestaltet um seinen \u201eSchwimmkurs\u201c, damit Kommunikation im Netz gelingen kann, im 2. Teil des Buches ab Seite 91 etwas popul\u00e4rwissenschaftlicher formulieren zu k\u00f6nnen. Diese Tipps sind dann auch recht hilfreich (Fragen stellen, Empathie zeigen, sein eigenes PLN aufbauen, weniger Push-Mail &#8211; mehr Slow News, Filtersouver\u00e4nit\u00e4t beweisen), haben bewussten Sammel- bzw. Aufz\u00e4hlungscharakter und bieten auch praktische Beispiele, wie man diese Vorschl\u00e4ge in die Tat umsetzen kann. Hier ist Wampfler trotz seiner sicher eigenen Bedenken etwas toolifiziert unterwegs, was aber der Sache keinen Abbruch tut, wenn man den \u201eSchwimmkurs\u201c auch als eine Art Ratgeber liest. Nach einem kritischen Exkurs zur Rolle der Medien und der Ideenentwicklung eines Trust Centers, an das sich Journalisten und Publikum wenden k\u00f6nnen, wenn sie Nonsens wittern, kommt dann Wampfler noch auf die Rolle der Schule zu sprechen.<\/p>\n<p>\u201eLernen mit 4K\u201c &#8211; unter diesem Kapitel subsumiert Wampfler vieles, was ihm, ganz zurecht spricht hier der besorgte P\u00e4dagoge, am derzeitigen Schulsystem stinkt. Die Digitalisierung bedroht das System Schule als Ganzes, da sie nicht mehr der einzige Ort der Wissensvermittlung ist. Pr\u00fcfungen werden dennoch nur auf Gelerntem basierend konzipiert, eine wirkliche Kompetenz und Eigenleistung ist das nicht. Anhand der <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/education\/Global-competency-for-an-inclusive-world.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bildungsvision der OECD 2030<\/a> stellt Wampfler gerade auch in den \u201eNonsens-Kontext\u201c die Ideen der 4K in den Vordergrund. Allerdings bleiben die Beispiele doch eher allgemein gehalten. Das Beispiel Projektarbeit \u201eRamen-Nudeln\u201c (Aufgabe: Lernende sollen Ideen entwickeln, wie diese besser schmecken oder ges\u00fcnder werden) ben\u00f6tigt zwar die 4K in Reinkultur, ist aber im traditionellen Unterrichten momentan nur schwer durchf\u00fchrbar. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn hier auch realistischere Beispiele f\u00fcr eine normale Unterrichtssequenz oder -stunde genannt worden w\u00e4ren. Letztlich sind die 4K ja ein Schl\u00fcssel zum Bek\u00e4mpfen des vorliegenden Problems. Es ist daher doch unabdingbar auch unter den gegebenen schulischen Bedingungen damit zu starten und nicht auf die allj\u00e4hrliche Projektwoche zu warten.<\/p>\n<p>Letztlich schlie\u00dft das Buch damit, dass es eben heutzutage nicht mehr so leicht m\u00f6glich ist, Nonsens im Netz zu erkennen. Es bedarf daher einer Thematisierung und der Anstrengung aller Beteiligten, um das Ph\u00e4nomen immer wieder aktiv in den Fokus zu r\u00fccken, denn eine digitale Askese, z. B. im Spitzerschen Duktus, ist weder hilfreich noch in der heutigen Zeit m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Wampfler kann fl\u00fcssig, gehaltvoll und gut belegt schreiben, ohne als digitaler Oberlehrer r\u00fcberzukommen. Eine Grundahnung beim Leser vorausgesetzt, kann das Buch, das 29 \u20ac kostet und im <a href=\"https:\/\/www.staempfliverlag.com\/verlag\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">St\u00e4mpfli Verlag<\/a> erschienen ist, einen wertvollen Beitrag zur Debatte \u201eNonsens im Netz\u201c leisten, Denkprozesse ansto\u00dfen und ein Bewusstsein daf\u00fcr schaffen, dass man, gerade auch als Lehrkraft etwas dagegen tun kann, wenn man die Hintergr\u00fcnde kennt. Ich w\u00fcrde mir allerdings w\u00fcnschen, dass die schulischen Aspekte noch ausf\u00fchrlicher in konkrete 4K-Unterrichtsideen umgesetzt werden w\u00fcrden, wenn auch klar sein muss, dass das Buch nicht explizit f\u00fcr Lehrer verfasst wurde. Im Rahmen einer <a href=\"https:\/\/bayernedu.wordpress.com\/dibis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DiBiS-Sitzung<\/a> werde ich das Thema anhand des Buches wieder aufgreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nonsens, Hoax, Fake News, Verschw\u00f6rungstheorien &#8211; das Netz ist so voll von derartiger \u201eInformationsverschmutzung\u201c, dass Philippe Wampfler, einer der profiliertesten Experten zu Fragen der digitalen Bildung, in diesem Monat ein neues Buch \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen vorgelegt hat. Unter dem Titel \u201eSchwimmen lernen im digitalen Chaos &#8211; Wie Kommunikation trotz Nonsens [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":1128,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,43],"tags":[],"class_list":["post-1127","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1127"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1292,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1127\/revisions\/1292"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1128"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bayernedu.net\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}